Vom Pferde-Schreier zum Pferde-Fluesterer
16 05 2010Der letzte Tag auf Pretty River Valley … Ich war „off“ und hatte somit Zeit in Ruhe zu packen. Entweder ich habe etwas vergessen oder ich werde beim Packen besser, denn ploetzlich wurden aus 3 Taschen wieder 2 … keine Ahnung warum. Linda war unterwegs und ich hatte eigentlich erst nachmittags mit ihr gerechnet, doch sie kam extra frueher, da sie noch etwas mit mir vor hatte. „Wenn du auf einem Pferd reitest fresse ich einen Besen …“, hat Sandra H. mir vor gut 2 Wochen per eMail geschrieben. Ich habe zurueck geschrieben: „Bevor ich auf ein Pferd steige, fresse ich den Besen freiwillig …“ Doch heute kam alles ganz anders …
Linda hat ihre ganz eigene Art mit den Pferden umzugehen und hier darf nur der auf ein Pferd steigen, der sieben Spiele mit ihnen spielen kann. Also steige ich (Hosentaschen voller Leckerli) mit einem sogenannten Carrotstick (ein langer orangefarbener Stecken als Verlaengerung meiner Hand) und Nanuk (Chef der Herde) in den Ring der Reit-Arena. Nanuk kennt mich vom Fuettern, ausserdem ist er trainiert und kennt die Spiele. Doch laut Linda spielt er nicht mit jedem und schon garnicht alle sieben Spiele, die sich im Schwierigkeitsgrad steigern.
Spiel Nummer eins: The Friendly Game – sprich ich bin freundlich und teste, ob Nanuk sich ueberall von mir anfassen laesst und dabei entspannt bleibt. Es funktioniert (da ich Nanuk heimlich mit Leckerli vollstopfe). Danach kommt das Porkypine Game – das Stachelschwein Spiel. Durch bloses Handauflegen, besser gesagt zwei Finger, soll ich das Tier in eine bestimmte Richtung dirigieren. Und es funktioniert. Ich beruehre kaum das Fell und schon geht Nanuk in die gewuenscht Richtung, er geht selbst rueckwearts, was Pferde laut Linda hassen da es ihrem natuerlichen Instinkt widerstrebt. Spiel Nummer 3, jetzt wird es interessant, The Driving Game. Ich soll das Pferd wieder in bestimmte Richtungen dirigieren, 4 Schritte entfernt ihm gegenueberstehend und ohne ihn anzufassen … Linda erklaert mir alles worauf ich achten muss, Koerpersprache und das richtige Timing sind das A und O. Ich konnte es kaum glauben, ich brauchte mich nur zur Seite lehnen und Nanuks Hintern mit der richtigen Koerpersprache anzustarren, dann hat er sich auch schon in die entsprechende Richtung gedreht … Ich musste keinen Ton sagen, einfach nur seinen Hintern anstarren oder die Schultern straffen, schon drehte er sich zur Seite oder ging rueckwaerts. Spiel Nummer 4: JoJo – wieder stehe ich Nanuk gegenueber. Durch Schultern straffen oder mich nach vorne lehnen hole ich ihn zu mir her oder schicke ihn von mir weg – wieder beinahe wortlos, lediglich Lob wird laut ausgesprochen. „Good Boy …“ Ich war beinahe sprachlos … Spiel Nummer 5: Durch einen blossen Fingerzeig und Koerpersprache soll ich Nanuk in der von mir gewuenschten Richtung an der Longe im Kreis laufen lassen – solang bis ich ihn zu mir in die Kreismitte einlade. Rechtsherum funktioniert einwandfrei – links herum wird es Nanuk dann zu bloed und er kommt zu mir ohne dass ich ihn in die Mitte rufe, da er weiss, dass meine Taschen voller Leckerli sind. Doch schliesslich funktioniert es. Spiel Nummer 6: Nanuk steht direkt der Wand gegenueber und ich bringe ihn durch Koerpersprache dazu mit Vorder und Hinterbeinen ueberkreutzt an der Wand entlang zu gehen. Spiel Nummer 7: Nanuk muss durch eine sehr schmale Luecke zwischen mir und der Wand hindurch gehen- er zoegert kurz, geht jedoch gleich darauf entspannt hindurch. Zum Abschluss hat Linda ploetzlich einen grossen Gymnastikball in der Hand. Sie platziert ihn auf der anderen Seite der Arena. Ich soll Nanuk dazu bringen, dass er quer durch die Arena geht und den Ball beruehrt. Ich darf weder Nanuk noch den Ball anfassen. Jetzt kommen fast alle Spiele zum Einsatz. Ich starre Nanuks Hintern an, damit er sich dreht, ich hole ihn wie ein Jojo zu mir und wir gehen zusammen durch die Arena, ohne dass ich ihn anfasse … Gehe ich langsam, geht er langsam, gehe ich schneller, wird auch Nanuk schneller. Neugierig sieht er immer in die Richtung in die ich sehe, Richtung Ball. Dort angekommen muss ich nur noch „touch“ sagen und schon kickt Nanuk den Ball weg! Ye Haa!
Drei Minuten speater sitze ich auf Nanuks Ruecken – OHNE SATTEL! BAREBACK!!!! Linda gibt wieder Anweisungen und es ist einfach unglaublich. Ich muss nur die Schultern straffen und mit allen 4 Backen grinsen, schon geht Nanuk los. Er laeuft immer automatisch in die Richtung in die ich schaue, die Zuegel sind nur zum festhalten da, kein Gebiss, kein Lederhalfter, nur geknuepfte Kordeln. Um anzuhalten muss ich nur tief ausatmen und die Schultern fallen lassen, schon bleibt Nanuk stehen. Ich reite bareback durch die Arena, wenn auch nur im Schritt-Tempo …
Was fuer eine Erfahrung … haette mir vor 3 Wochen jemand gesagt, dass ich ein Pferd dazu bringen kann sich zu drehen, indem ich seinen Hintern anstarre, dann haette ich ihm den Vogel gezeigt. Aus dem Pferde-Schreier („Back Off“ – „ForFuckSake go away“) wurde heute ein Pferde-Fluesterer („Good Boy“). Ich war die ganze Zeit ueber total entspannt und selbst auf dem blanken Ruecken fuehlte ich mich pudelwohl. Nanuk und Linda waren beide einfach nur der Hammer – ich werde jetzt definitiv weniger Angst vor Pferden haben und habe heute sehr viel gelernt. Laut Linda machte ich einen guten Job („pretty damn good“) und selbst meine Haltung auf dem Pferd hat sie ueberrascht, denn ich sass fuer einen Anfaenger richtig schoen aufrecht. (What? Ich laufe nicht einmal aufrecht ….)
Wenn ich im Laufe meines Kanada-Jahres noch einmal nach Pretty River zurueck komme, was ich definitiv vor habe, dann gehen wir ausreiten … meine 3 Wochen hier waren unbeschreiblich schoen und wieder faellt es mir schwer „Auf Wiedersehen“ zu sagen …
Kategorien : Allgemein

























































































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